Gestern im EU Parlament beschlossen: Im Supermarkt dürfen künftig bestimmte genveränderte Lebensmittel ohne Kennzeichnung im Regal stehen. In rund zwei Jahren sollen die Regeln gelten. Außerdem wird es im Zuge der Zulassung der “Neuen GenTechnik” (NGT) auch viel einfacher möglich sein, Pflanzen und Gene zu patentieren. Selbst Gene aus alten Kulturpflanzensorten können - als angebliche Erfindungen - zukünftig patentiert werden. Das Ergebnis ist ein Sieg auf ganzer Linie für mächtige Agrarkonzerne wie Bayer-Monsanto, Corteva und Co., die sich in Zukunft die Patentanwälte und Rechtsabteilungen für die absehbaren Konflikte mit kleineren Züchtern und Bauern leisten können. Die Verlierer sind Mittelstand, Verbraucher*innen und die gentechnikfreie Landwirtschaft, wie etwa der Bio-Landbau. Der Vorschlag wurde von EVP (CDU/CSU), Liberalen (FDP) und extremrechten Parteien im EU Parlament ohne durch Sozialdemokraten, Grüne und Linke gewünschte Änderungen durchgewunken. Der Kapitalismus expandiert mit dieser Regelung auch in der EU in den Bauplan allen Lebens hinein: ins Genom.



Auch dann sollte eine Kennzeichnung erforderlich sein
Warum?
Wenn Gentechnik so toll sein soll, hätte man nichts dagegen, dies auch zu kennzeichnen. So lässt es den Schluss zu, man weiß, dass die meisten Menschen dem kritisch gegenüber stehen, aber man will es halt trotzdem.
Genauso ist es ja auch. Viele Menschen stehen dem kritisch gegenüber, weil Verblödung und Desinformation funktionieren.
Die Realität sieht derzeit so aus:
Pflanzen in Massen untereinander kreuzen und mal sehen, was rauskommt (positive Eigentschaften, wie auch zufällige Nebenwirkungen inklusive): ✅ weil “Züchtung”
Das Erbgut von Pflanzen durch Bestrahlung schädigen und dann in Massen untereinander kreuzen und mal sehen, was rauskommt (positive Eigentschaften, wie auch zufällige Nebenwirkungen inklusive: ✅ weil noch effektivere “Züchtung”
Gezielte Modifikation von Genen, um genau die gewünschten Eigenschaften anzupassen: ❌ böse Gentechnik!
Warum soll man mit Kennzeichnungen noch den wissenschaftsfeindlichen Wahn gewisser Bevölkerungsgruppen bestärken? Möchtest du -um mal ein anderes Analog zu nehmen- auch Kennzeichnungen für Läden, in denen das Personal geimpft ist, weil manche Bekloppte das halt wollen, und es ansonsten ja niemandem schadet?
Passiert in der Natur unentwegt, ist die Basis der Entstehung aller Kulturpflanzen. Wir essen diese Pflanzen seit ungefähr 10’000 Jahren. Was sind genau die Nebenwirkungen? Ich denke die größte ‘Nebenwirkung’ hiervon ist, dass wir mittlerweile fast 8.5 Milliarden Menschen mit den so entstandenen Pflanzen ernähren können.
Wird immer als Argument angeführt um andere fragwürdige Techniken ‘halt dann auch’ an zu wenden. Die Methode ist umstritten und wird zurecht als risikovoll erachtet. Der Bio-Sektor lent Mutationszüchtung z.B. ab und sie wird dort nicht aktiv angewendet. Dann aber gar keine ‘nicht 100% bio’ Genetik mehr einkreuzen weil eventuell mutiert? Ein Dilemma. Hieraus aber ab zu leiten, dass eine andere angeblich präzisere Mutationszüchtung besser sei halte ich für nicht stichhaltig (siehe auch folgender Punkt).
Framing der Industrie. Es gibt in CRISPR/Cas9-Systemen ≥50% so genannte off-target Mutationen, also Mutationen in Genregionen die nicht beabsichtigt sind. Das ist zugegebenermaßen präziser als die ‘alte’ Gentechnik mit A. tumefaciens, aber dennoch schießt man pro Schuss einmal noch woanders ins Genom, ohne zu wissen wo und mit welchem Effekt.
Die Analogie mit Impfgegner=NGT-Kritiker halte ich für nicht korrekt. Es gibt den breiten wissenschaftlichen Konsens bezüglich den Vorteilen von NGT nicht. Auch das ist ein Framing ganz bestimmter Gruppen.
Das klingt ja gut wenn Gentechnik für Residenz der Pflanzen gegen Trockenheit und Hitzewellen verwendet wird, aber wenn Gentechnik verwendet wird um gegen ein bestimmtes Pestizide resistent zu machen und dafür dass die Pflanze nur noch einjährig ist und keine Samen mehr produziert - dann klingt das nicht mehr so prickelnd.
Für mich ist das Problem, dass Gentechnik halt beides ist, und ohne gute Transparenz gibt es viele perverse Anreize für die miserable Variante.
Pestizidresistenzen sind von der neuen Richtlinie explizit ausgeschlossen, ebenso wie Insektentoxische Mutationen. So ziemlich das einzige was man nicht machen darf.
Zunächst einmal danke dass du dir Zeit genommen und Mühe gemacht hast, das nochmal zu erklären. Vom wissenschaftlichen Standpunkt hast du natürlich recht, Gentechnik bietet da eine Chance auf die Herausforderung der Klimakatastrophe und vielleicht zunehmender Bevölkerung zu reagieren.
Ich habe mich wohl hinreißen lassen, da Quatsch zu schreiben, weil ich die Befürchtung habe, dass die genannten Konzerne trotz der Chancen Wege finden werden, Menschen zu schaden. Sei es in dem Saatgut teuer gekauft werden muss und oder bestimmte Pestizide benötigt werden usw. Ebenso die Patentierung von Genomen oder Gensequenzen macht mir da Sorge. Ich hoffe, ich irre mich, aber ich sehe da die Gefahr von Abhängigkeiten und Monopolen.
Was ist das für ein Zerrbild in dem Konzerne Tag ein Tag aus nach Wegen suchen, ihren Konsumenten zu schaden?
Das ist kein Zerrbild, sondern Realität. Für Konzerne sind die Konsumenten in erster (und praktisch einziger) Linie eine Einkommensquelle. Und die soll maximiert werden. Es besteht exakt kein Interesse am wohlergehen der Konsumenten, es sei denn es schadet dem Konsum.
Das Produkt ist gesundheitsschädlich? Klingt doof. Oh, es ist auch suchterzeugend? Na dann immer her damit!
Das Produkt enthält Giftstoffe, aber die Auswrikungen zeigen sich erst in Jahren? Wenn die Produktion dafür heute billiger ist, und genug Geld einspart, die erwartbaren Klagen und Strafen zu zahlen, ist das nur eine reine Kosten/Nutzen-Rechnung.
Und dabei reden wir ja nicht mal von unbeabsichtigten Nebenwirkungen. Patentierte Pflanzen, die neben besserer Witterungsbeständigkeit auch nicht mehr fortpflanzungsfähig sind, um ein Monopol auf das Saatgut zu erhalten (und jeden mit unabhängig entwickelter Alternativen wegen Patentverletzung zu verklagen) ist ja keine Nebenwirkung. Die ist das Ziel zum Einkommensmaximierung.
Ist nicht das Ziel, passiert aber doch. Quelle: Zustand des Planeten.
Vielleicht ist das jetzt nicht das primäre Ziel… Aber ist es denn aus deiner Sicht nicht so, dass Schäden z.B. an der Umwelt im Interesse der Gewinnmaximierung von Konzernen billigend in Kauf genommen werden?
Schäden an der Umwelt sind in diesem Fall Probleme für die Kundschaft der Saatguthersteller. Denn das beschädigt ihr Kapital, ihre Felder. ich denke nicht, dass das regelmäßig aktiv herbeigeführt oder billigend in Kauf genommen wird.
Das klingt so vernünftig und nachhaltig, ich hoffe, dass du recht hast.
klar. Zu den Landmaschinenhersteller wie John Deere gab es auch genug Unkenrufe. Patente noch und nöcher. Versuche von denen die selbstständige Reparatur zu unterbinden. Mit dem Ergebnis, dass sich die Landwirte jetzt andere, deutlich simplere Maschinen mit weniger Features kaufen, die sie wieder selbst reparieren können, weil ihm das Ganze zu dumm ist. Klar, der John Deere hat wahrscheinlich tolleren Ertrag, mehr Features, aber am Ende sind die Landwirte auch Geschäftsleute, die nicht beliebigen Unsinn mitmachen.