Damit könnte ich es bewenden lassen, denn der Schluss trägt schlicht nicht. Mich stört an diesem Fall jedoch mehr als ein Denkfehler. Natürlich erfindet niemand das Rad neu, und alle stehen, wie es so schön heißt, auf den Schultern von Riesen. Software entwickelt sich weiter, indem sie Ideen aufgreift, verändert und verbessert. Ein 1:1-Nachbau ist aber keine Weiterentwicklung, er ist ein Klon, und ihm fehlt jegliche Eigenleistung.

Hinter den Entscheidungen, die ein solcher Klon übernimmt, stehen Menschen: Designerinnen und Designer, die einen Arbeitsablauf so lange umgebaut haben, bis er sich selbstverständlich anfühlte, Entwicklerinnen und Entwickler, die Algorithmen gesucht und verfeinert haben, und Produktverantwortliche, die entschieden haben, was hineingehört und was nicht. Ihre Arbeit ist der eigentliche Gegenstand des Nachbaus, auch wenn sie in keiner Zeile des neuen Codes auftaucht.

Hier bringt der Autor Urheberrecht auf Software und Design glaube ich etwas durcheinander.

Damit bin ich bei dem Punkt, der mich an diesem Fall am meisten beschäftigt. Im April habe ich in Open Source ist nicht das Problem, sondern sein Missbrauch durch Konzerne geschrieben, dass Open Source den Wert von Softwarearbeit gesenkt hat, und zwar vor allem den Wert der Gedankenleistung hinter einem Produkt. Damals habe ich die Ursache in erster Linie in den Strukturen gesehen, die sich um Open Source herum gebildet haben. Heute würde ich das drastischer formulieren.

Wer seine Arbeit kostenlos veröffentlicht, trifft damit im Zweifel eine Aussage über sich selbst: dass diese Arbeit und die Zeit, die darin steckt, offenbar nichts wert sind. Mir geht es dabei nicht um den Gegensatz von offenem und geschlossenem Quellcode, sondern um das Signal, das von verschenkter Arbeit ausgeht. Über Jahrzehnte haben wir als Branche auf diese Weise eine Erwartung geschaffen, die uns heute einholt: dass gute Software nichts kosten muss.

Das finde ich absurd. Aber einen interessanten Anstoss zum Nachdenken.

  • Sind Dinge, die man verschenkt oder teilt, weniger wert?

  • Wenn mir meine Freundin von Hand als Geschenk einen Pullover strickt, ist der weniger wert als das 30 Euro Teil vom C&A?

  • Wenn ich aus Vollholz ein Bett für meinen Sohn baue, ist es weniger wert als was Gekauftes vom IKEA?

  • Ist von Menschen geschriebener Sourcecode für gute Software etwas völlig unpersönliches oder ist es doch eine lebendige kreative Leistung?

  • Ist ein Klon eines komplexen Softwaresystems, wie Linux ein Klon von AT&T Unix ist, Haiku ein Klon von BeOS, oder FreeDOS und DrDOS ein Klon von MD-DOS, grundsätzlich eine eigenständige kreative Leistung oder nicht?

  • Hat die Softwarebranche je ein Problem gehabt, sich urheberrechtlich und per Copyleft/GPL geschützte Open Source Software wie den Linux Kernel entgegen der Lizenz einzuverleiben? Ist die Möglichkeit, das weißzuwaschen, nicht gerade ein massgeblicher Treiber für den KI Hype in der Softwareentwicklung ?

  • JensSpahnpasta@feddit.org
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    3 days ago

    All diese KI-Projekte haben immer eine gähnende Leere im Kreativraum: Guck mal, mein Tetris-Klon, den ich in 6 Stunden gesloppt habe, guck mal ein PhotoShop-Klon, mein TODO-Listen-Klon. Das ist ja auch alles sehr beeindruckend, wie gut KI handwerklich programmieren kann, aber es wird halt immer wieder unterschätzt, wie viel Eigenleistung darin steckt, selbst ein Problem und, darauf aufbauend, einen sinnvollen Lösungsweg zu identifizieren.

    Was das wirklich irgendwo mal anders? Auch früher vor KI hat jeder Einsteiger erstmal ein paar simple Projekte durchgeführt. Den fast schon klischeehaften Taschenrechner. Ein Tetris. Die Notizapp. Du weißt schon. Jetzt gibt es halt plötzlich einen Haufen neuer Entwickler, die dir stolz ihren Taschenrechner zeigen wollen und das ist … auch ok?

    Und am Ende: Software soll ja im Idealfall ein konkretes Problem beheben. Natürlich gibt es für viele Standardprobleme schon eine Software. Es gibt halt schon Taschenrechner, aber es ist jetzt auch nicht dramatisch, wenn jemand einen eigenen Taschenrechner programmiert.

    • Majoran@feddit.org
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      3 days ago

      Das Taschenrechner-Projekt war früher aber eine Übungsaufgabe, um das Programmieren zu erlernen. Dadurch hat der Einsteiger ja verstanden, was die Probleme, Einschränkungen und auch Möglichkeiten beim Programmieren sind. Diese Erfahrung kriegt man nicht, wenn man der KI sagt, dass sie mal einen Taschenrechner programmieren soll. Es wird am Ende natürlich auch immer gute Programmierer geben, die keinerlei Kreativität haben und Leute mit guten Ideen, die aber nicht programmieren können. Ich behaupte aber, dass es tendenziell weiterhin vorteilhaft ist, sich die Arbeitsweise eines Computers mental möglichst gut vorstellen zu können, um auch ein Gefühl dafür zu haben, was eigentlich Probleme sind und wie eine gute Lösung aussehen könnte.

      • JensSpahnpasta@feddit.org
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        3 days ago

        Ich bin ja voll und ganz bei dir - ich merke es an den Kollegen ohne IT-Hintergrund, dass Computer und gerade KI im Kern irgendwie magische Dinge sind, die entweder alles können oder die völlig unbedienbar sind. Mich erinnert diese Debatte nur an meinen unseligen Informatikunterricht damals in der Schule, wo der Lehrer ernsthaft der Meinung war, dass Assembler ein unglaublich wichtiges Tool wäre, um Computer zu lernen und dass Nullen und Einsen zu verstehen wirklich wichtig wäre. Mag ja so gewesen sein, am Ende hat aber keiner von uns irgendwas sinnvolles an Programm produziert und wir konnten logischweise auch keine Programme für das damals aktuelle WinXP schreiben oder gar die Computerspiele, die wir eigentlich wollten.

        Von daher bin ich da aus dieser Erfahrung heraus echt kritisch: Klar kannst du am Anfang anfangen und dich dann irgendwann den Stack hochlernen, aber das ist hart mühsam und du wirst dann vieles von den Anfängen nie mehr brauchen. Dieses Nullen und Einsen ist ja selbst für Programmierer mittlerweile total egal in der täglichen Arbeit. Von daher: Wenn jemand jetzt Interesse am Thema hat und sich einen Taschenrechner vibecodet, dann ist das aus meiner Sicht erstmal gut. Wenn er/sie dann weitermacht und sich den Stack nach unten lernt, ist das voll ok.

        (und ich bin gerade auch nicht sicher, ob Programmierer oder Programme wirklich immer kreativ sein müssen. Ehrlich gesagt bin ich gerade sehr happy, dass wir anscheinend einen brauchbaren Excel-Klon für Linux bekommen, bei dem alle Bedienelemente genau da sind, wie im Original. Die ganzen anderen Alternativen machen dann ja doch diverses so anders, dass es hart nervt)

        • da_cow (she/her)@feddit.org
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          1 day ago

          Assembly ist weiterhin enorm wichtig, wenn man mit Sprachen arbeitet die compiled werden, da das bewerten des Assembler Outputs es ermöglicht Bugs zu finden die im ursprungscode unsichtbar sind. Zudem ist Assembly für das entwickeln von Betriebssystemen enorm wichtig, da ohne Assembly keine CPU startet und auch das Implementieren von essentiellen Teilen des Betriebssystems wie dem Kontext Switch erfordern Assembly.

          Programmteile die enorm Kritisch für die Performance sind werden auch heute teils noch in Assembly geschrieben, bspw. arbeitet FFMPEG viel mit Assembly.

          Ob Assembly deswegen aber die Richtige Sprache für den Einstieg ist, steht dabei aber auf einem anderen Blatt.

        • smokeysnilas@feddit.org
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          3 days ago

          gar die Computerspiele, die wir eigentlich wollten

          Ich würde behaupten der Lehrer hat das bloß schlecht vermarktet: Assembler lernen ist die Grundlage zum Knackern der ganzen Raubkopien die auf dem Schulhof getauscht wurden. Willst du deine Freunde auch mit nem coolen Cracktro beeindrucken? Dann kannst du jetzt lernen wie sowas gemacht wird.

        • Majoran@feddit.org
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          3 days ago

          (und ich bin gerade auch nicht sicher, ob Programmierer oder Programme wirklich immer kreativ sein müssen.

          Nein, ganz sicher nicht immer. KI-Programmierung wird die Coding-Landschaft auch ganz sicher fundamental ändern bzw. hat es schon, das ist keine Frage.

          Gerade Computerspiele sind für mich aber ein spezifischer Bereich, mit denen ich meine Behauptung am liebsten stütze. Ich erinnere mich immer an einen ehemaligen Kommilitonen von mir; wenn ich ein “guter” Programmierer bin, war er ein absolut hochbegabter. Der stereotypische “10x Engineer”, wie man so sagt, an den ich niemals rankommen würde, da selbst wenn ich fehlerlos programmiert hätte, er in der Zeit schon zehnmal soviel Code produziert hat. Der wollte immer unbedingt ein Spiel mit mir programmieren und ich habe nie mitgemacht, weil all seine Spielideen für mich totlangweilig waren. Es war immer genau das, was gerade in der Marktanalyse ganz oben stand und davon dann noch ein Klon. Vielleicht wäre sowas was geworden, aber ich hatte daran einfach nie Interesse. Und KI ist einfach genau diese Denkweise, nur noch komplett zugekokster.

          Das spricht jetzt ein bisschen dagegen, was ich vorher sagte, dass das Programmieren-können mit Kreativität einhergeht; das tut es nicht unbedingt. Und nicht jeder Informatiker ist in allen Dingen gleich gut. Programmierarbeit kann allerdings nicht allein auf die Fähigkeit reduziert werden, die die KI am besten kann. Es gibt Programmierer, die so denken, und die werden auch am ehesten ersetzt werden. Alle anderen werden schauen, welche Fähigkeiten es noch drum herum gibt und sich durch diese vom Rest absetzen.

          • JensSpahnpasta@feddit.org
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            3 days ago

            Ich weiß, was du meinst, aber diese BWL-Herangehensweise an Spiele, die irgendwie mit Marktanalyse, Zielgruppe und Microtransactions beginnt und möglichen Umsätzen und dann ein möglichst günstig zu entwickelndes Spiel drumrumzimmert, die gab es ja auch schon lange vorher. Du hast es ja selbst beschrieben.

            Und ich weiß halt, dass man auch kreative Ideen umsetzen kann. Ich bastle mir nämlich gerade selbst fleißig die Videospiele, die ich gerne zocken würde und die es nicht gibt. Klar startet man dann mit Klonen bestehender Spielideen, aber dann kommt da doch einiges an eigenen Ideen und Kreativität rein. Im Kern ist KI für mich ein Werkzeug und genau wie mit einer Säge kann man halt kreative Dinge sägen oder halt hart unkreative. Oder man nutzt sie nur, wenn man was gesägt haben muss