Die Bundesregierung lotet derzeit Pläne für einen Zivildienst aus. Einige Sozialverbände sorgen sich, dass dieser zu Lasten der Freiwilligendienste gehen könnte. Wünsche haben sie auch für die Dauer und Qualifizierung.
Ich stoße häufiger auf diese Einschätzung und ehrlich gesagt ich verstehe sie nicht. Vielleicht kannst du mir erklären, warum das für dich keine Zwangsarbeit ist.
Der Prozess ist ja folgender. Du kriegst als junger Mann einen Brief vom Staat. In diesem Brief steht, dass du nach diversen Paragraphen und Gesetzen zum Wehrdienst verpflichtet bist, zur Musterung auftauchen musst und dass du diesen auch verweigern kannst. Wenn du dies tust, musst du dir eine Zivildienststelle suchen und dort auftauchen. Tauchst du nicht beim Zivildienst auf, bekommst du richtig Ärger und landest in der Konsequenz sogar im Knast. Die Strafen hier sind richtig knackig - wenn du mehr als 3 Tage unentschuldig fehlst, drohen dir 3 Jahre Haft. Versuchst du aus dem Land abzuhauen, 5 Jahre. Befolgst du die Anordnungen deiner Vorgesetzten nicht … wieder bis 3 Jahre Haft. Es gibt sogar eine eigene Polizeitruppe, deren Aufgabe es ist, dich zu jagen, wenn du nicht auftauchst.
Ich verstehe auf einem fundamentalen Level nicht, wieso das keine Zwangsarbeit sein soll. Es ist Arbeit, die unter einem staatlichen Zwang stattfindet und definitiv nicht freiwillig ist. Es ist auch eine unfreie Arbeit, zu der man verpflichtet wird und bei der man eben nicht die üblichen Rechte besitzt, die ein normaler Arbeitnehmer hat.
Du schreibst es ja selbst - man besitzt keine Arbeitnehmerrechte. Es ist eben ein Dienst. Ein Zwangsdienst, wenn du es so willst. Jedoch ist ein Dienst immer mit gesellschaftlichen Zwang unterlegt. Es ist eine uralte gesellschaftliche Treue und Fürsorgepflicht.
Mal ein Blick in die Geschichte. Lehnsdienst und Lehnswesen:
Der Lehnsherr, welcher der rechtliche Eigentümer von Grund und Boden oder bestimmter Rechte war, verlieh diese dem Lehnsempfänger auf Lebenszeit. Dafür musste der Lehnsempfänger dem Lehnsherrn persönliche Dienste leisten. Dazu gehörten z. B. auch das Halten des Steigbügels, die Begleitung bei festlichen Anlässen und der Dienst als Mundschenk bei der Festtafel. Beide verpflichteten sich zu gegenseitiger Treue: Der Lehnsherr zu Schutz und Schirm, der Lehnsempfänger zu Rat und Hilfe. Weiterhin waren Lehnsherr und Vasall einander zu gegenseitiger Achtung verpflichtet, d. h. auch der Lehnsherr durfte seinen Lehnsempfänger per Gesetz nicht schlagen, demütigen oder sich an seiner Frau oder Tochter vergreifen.
Der Dienstherr ist die öffentlich-rechtliche Institution, die Beamte beschäftigt und deren Rechte und Pflichten regelt.
Er besitzt umfangreiche Weisungs- und Kontrollrechte im vollen Umfang gegenüber den Beamten.
Der Dienstherr trägt eine umfassende Fürsorgepflicht, die verschiedene Punkte wie Schutz, Unterstützung und Gesundheitsvorsorge der Beamten umfasst.
Bei Pflichtverletzungen kann der Dienstherr Disziplinarmaßnahmen ergreifen, Beamte können aber auch Ansprüche gegen den Dienstherrn geltend machen.
Etymologie - Herkunft der Wörter
dienen Vb. ‘für jmdn. etw. tun, ihm helfen, abhängig sein’, ahd. thionōn (8. Jh.), mhd. dienen, asächs. thionon, mnd. dēnen, mnl. nl. dienen, anord. (aus dem Mnd.?) þjōna, schwed. tjäna (germ. *þewanōn) ist eine mit -n- erweiterte Ableitung von germ. *þewa- ‘Sklave, Knecht’, das in got. þius ‘Knecht’, urnord. þewaʀ ‘Diener, Lehnsmann’, aengl. þēo(w) ‘Diener, Knecht, Unfreier’ bezeugt ist
Wogegen Arbeit, arbeiten immer aus der Notlage, einer Verschuldung, einer Versklavung oder ähnlichem herkommt. Arbeit ist immer mit asymmetrischer Macht verknüpft. Dem Geld bezahlenden und den Geld empfangenden. Und es ist immer Geld im Spiel, da Geld immer ein Mittel zur Machtausübung und Unterdrückung war.
Dienste ausüben jedoch nicht. Dienste übt man auch unentgeltlich aus.
Arbeit f. ‘zweckgerichtete körperliche und geistige Tätigkeit des Menschen, Produkt dieser Tätigkeit, Werk’, ahd. arbeit f., arbeiti n. ‘Mühsal, Plage, Anstrengung, Ertrag der Arbeit’ (8. Jh.), mhd. ar(e)beit f. n., asächs. arƀed, arƀid f., arƀedi n., mnd. arbēt m. n. f. (daraus schwed. arbete und dän. arbejde), mnl. arbeit m. f., nl. arbeid m., aengl. earfoþe, earfeþe n., anord. erfiði n., got. arbaiþs f. lassen sich, soweit es das ursprüngliche (mehrfach zu einem neutralen Stamm umgebildete) Femininum betrifft, zurückführen auf germ. *arƀējiðiz ‘Mühsal’, das als Abstraktbildung zu einem untergegangenen germ. ēn-Verb *arƀējō ‘bin verwaistes und daher aus Not zu harter Arbeit gezwungenes Kind’ angesehen werden kann. Damit ist eine Verbindung zu ie. *orbh- ‘verwaist, Waise’ (s. 1Erbe) hergestellt, von dem sich vermutlich auch arm (s. d.) herleitet
Da folge ich nicht. Natürlich ist es auch Zwangsarbeit, wenn man zu einem Zwangsdienst verpflichtet ist. Dieser ist ja so definiert:
Als „Zwangs- oder Pflichtarbeit" im Sinne dieses Übereinkommens gilt jede Art von Arbeit oder Dienstleistung, die von einer Person unter Androhung irgendeiner Strafe verlangt wird und für die sie sich nicht freiwillig zur Verfügung gestellt hat.
Und ja, ich weiß, dass damals im Jahre 1930 die Staaten sich schön eine Ausnahme für den Militärdienst in das Abkommen zur Zwangsarbeit geschrieben haben. Aber am Ende des Tages ist Zivildienst Zwangsarbeit nach Definition dieses Abkommens. Und wir sollten dann nicht tun, als wäre es besser, dass man es jetzt Dienst nennt. Es ist eine Arbeit, die unter Androhungen einer Strafe verlangt wird und die nicht freiwillig erfolgt.
Ich war noch nicht fertig und hatte etwas angefügt.
Es ist halt nicht zur Maximierung des Profits eines Arbeitgebers, sondern für die Gesellschaft.
Der Zivildienst ist die Alternative zum Wehrdienst (dem Dienst für die Gesellschaft).
Du kannst jetzt natürlich wettern, dass vom Zivildienst ja doch marktwirtschaftlichen Arbeitgeber profitieren. Nun, wäre dir Straßenfegen, Parks säubern o.ä. für die Gemeinden lieber? Oder Brücken und Eisenbahnstrecken bauen?
Oder doch lieber nur den Wehrdienst und keine Alternative? Der Kriegsarbeit?
Edit: Wobei Kriegsarbeiter ja Söldner und Berufssoldaten sind
Es wäre sicherlich gerecht(er), wenn auch Frauen eingezogen werden würden, wie beispielsweise in Israel. Aber der Wehrdienst und Zivildienst sind genauso wenig Zwangsarbeit, wie Steuern Diebstahl sind. Beides erachten wir als Staat als notwendig. Alles was unser Zusammenleben regelt, ist Zwang. Zu den einzelnen Punkten kann man stehen wie man will, genauso wie man Parteien wählen oder wie man sich bei Parteien engagieren kann, die es abschaffen oder einrichten wollen. Und wer die meisten Wähler von der Richtigkeit seiner These überzeugt, kann sie dann auch umsetzen.
Wenn Frauen gleichen Lohn für gleiche Arbeit bekommen würden, keine Karriereknicks wegen Geburt(en), Betreuung, Carearbeit und Pflege hätten, sondern das alles gerecht aufgeteilt werden würde, so dass sie sich beruflich gleichauf weiterbilden und - entwickeln könntten, wodurch sie dann auch nach getaner Arbeit die gleiche Rente bekommen würden, dann wäre es gerecht, dass sie auch zum Wehr- oder Zivildienst herangezogen werden würden. Doch gerade seit Corona haben wir uns in Deutschland diesbezüglich noch mal einige Schritte zurück entwickelt.
Ich stoße häufiger auf diese Einschätzung und ehrlich gesagt ich verstehe sie nicht. Vielleicht kannst du mir erklären, warum das für dich keine Zwangsarbeit ist.
Der Prozess ist ja folgender. Du kriegst als junger Mann einen Brief vom Staat. In diesem Brief steht, dass du nach diversen Paragraphen und Gesetzen zum Wehrdienst verpflichtet bist, zur Musterung auftauchen musst und dass du diesen auch verweigern kannst. Wenn du dies tust, musst du dir eine Zivildienststelle suchen und dort auftauchen. Tauchst du nicht beim Zivildienst auf, bekommst du richtig Ärger und landest in der Konsequenz sogar im Knast. Die Strafen hier sind richtig knackig - wenn du mehr als 3 Tage unentschuldig fehlst, drohen dir 3 Jahre Haft. Versuchst du aus dem Land abzuhauen, 5 Jahre. Befolgst du die Anordnungen deiner Vorgesetzten nicht … wieder bis 3 Jahre Haft. Es gibt sogar eine eigene Polizeitruppe, deren Aufgabe es ist, dich zu jagen, wenn du nicht auftauchst.
Ich verstehe auf einem fundamentalen Level nicht, wieso das keine Zwangsarbeit sein soll. Es ist Arbeit, die unter einem staatlichen Zwang stattfindet und definitiv nicht freiwillig ist. Es ist auch eine unfreie Arbeit, zu der man verpflichtet wird und bei der man eben nicht die üblichen Rechte besitzt, die ein normaler Arbeitnehmer hat.
Du schreibst es ja selbst - man besitzt keine Arbeitnehmerrechte. Es ist eben ein Dienst. Ein Zwangsdienst, wenn du es so willst. Jedoch ist ein Dienst immer mit gesellschaftlichen Zwang unterlegt. Es ist eine uralte gesellschaftliche Treue und Fürsorgepflicht.
Mal ein Blick in die Geschichte. Lehnsdienst und Lehnswesen:
https://www.heraldik-wiki.de/wiki/Lehnswesen
Ein Blick ins Beamtenrecht:
Etymologie - Herkunft der Wörter
https://www.dwds.de/wb/etymwb/Dienst
Wogegen Arbeit, arbeiten immer aus der Notlage, einer Verschuldung, einer Versklavung oder ähnlichem herkommt. Arbeit ist immer mit asymmetrischer Macht verknüpft. Dem Geld bezahlenden und den Geld empfangenden. Und es ist immer Geld im Spiel, da Geld immer ein Mittel zur Machtausübung und Unterdrückung war.
Dienste ausüben jedoch nicht. Dienste übt man auch unentgeltlich aus.
https://www.dwds.de/wb/etymwb/Arbeit
Oder um es drastisch und kurz auszudrücken:
Da folge ich nicht. Natürlich ist es auch Zwangsarbeit, wenn man zu einem Zwangsdienst verpflichtet ist. Dieser ist ja so definiert:
Und ja, ich weiß, dass damals im Jahre 1930 die Staaten sich schön eine Ausnahme für den Militärdienst in das Abkommen zur Zwangsarbeit geschrieben haben. Aber am Ende des Tages ist Zivildienst Zwangsarbeit nach Definition dieses Abkommens. Und wir sollten dann nicht tun, als wäre es besser, dass man es jetzt Dienst nennt. Es ist eine Arbeit, die unter Androhungen einer Strafe verlangt wird und die nicht freiwillig erfolgt.
Ich war noch nicht fertig und hatte etwas angefügt.
Es ist halt nicht zur Maximierung des Profits eines Arbeitgebers, sondern für die Gesellschaft.
Der Zivildienst ist die Alternative zum Wehrdienst (dem Dienst für die Gesellschaft).
Du kannst jetzt natürlich wettern, dass vom Zivildienst ja doch marktwirtschaftlichen Arbeitgeber profitieren. Nun, wäre dir Straßenfegen, Parks säubern o.ä. für die Gemeinden lieber? Oder Brücken und Eisenbahnstrecken bauen?
Oder doch lieber nur den Wehrdienst und keine Alternative? Der Kriegsarbeit?
Edit: Wobei Kriegsarbeiter ja Söldner und Berufssoldaten sind
Es wäre sicherlich gerecht(er), wenn auch Frauen eingezogen werden würden, wie beispielsweise in Israel. Aber der Wehrdienst und Zivildienst sind genauso wenig Zwangsarbeit, wie Steuern Diebstahl sind. Beides erachten wir als Staat als notwendig. Alles was unser Zusammenleben regelt, ist Zwang. Zu den einzelnen Punkten kann man stehen wie man will, genauso wie man Parteien wählen oder wie man sich bei Parteien engagieren kann, die es abschaffen oder einrichten wollen. Und wer die meisten Wähler von der Richtigkeit seiner These überzeugt, kann sie dann auch umsetzen.
Wenn Frauen gleichen Lohn für gleiche Arbeit bekommen würden, keine Karriereknicks wegen Geburt(en), Betreuung, Carearbeit und Pflege hätten, sondern das alles gerecht aufgeteilt werden würde, so dass sie sich beruflich gleichauf weiterbilden und - entwickeln könntten, wodurch sie dann auch nach getaner Arbeit die gleiche Rente bekommen würden, dann wäre es gerecht, dass sie auch zum Wehr- oder Zivildienst herangezogen werden würden. Doch gerade seit Corona haben wir uns in Deutschland diesbezüglich noch mal einige Schritte zurück entwickelt.