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  • Was die Partei an sich angeht hast du recht, aber das Vorfeld der Partei bildet sich durchaus aus dieser Schicht… und wenn ein gewisses Vertrauen erstmal aufgebaut wurde “vererbt” sich das (“Wenn Helmut meint die Partei taugt was, dann wird das schon stimmen!”)

    Auch das stimmt so nicht. Das neurechte Vorfeld ist maßgeblich gezeichnet von Burschenschaftlern und sonstigen Politik-, Jura-, und Philosophiestudenten.

    Die laufen auch nur Akademikern hinterher. Es sind nur Akademiker die auf andere Akademiker schimpfen.

    Ich denke man kann es ganz gut mit Lotto vergleichen.

    Und der Vergleich mit Lotto hat mehr mit der Wahrheit zu tun als die “seines eigenen Glückes Schmied” Erzählung, weil es eben sehr viel mehr auf Glück ankommt und auf die vor dem Spiel gegebenen Möglichkeiten Tickets zu ziehen.

    Was das jetzt aber mit dem Proletariat zu tun hat hast du noch nicht erklärt. Sind die Proletarier irgendwann zu Gamblern geworden?


  • Wenn du eine Chance haben willst von den Leuten aus dieser gesellschaftlichen Schicht ernstgenommen zu werden musst du selbst aus dieser Schicht stammen, die gleichen Jobs machen und ihre Sprache sprechen… aber auch dann wirst du mit der Idee des Sozialismus da keinen Blumentopf gewinnen.

    Das scheint so nicht zu stimmen, die AfD besteht ja zu großen teilen auch nicht aus dieser Schicht. Das "Spitzen"personal abgesehen von Chrupalla ist gebildet und hat auch vor dem Parteiamt nicht am Hungertuch genagt. Das sind Wirtschaftler, Anwälte, Lehrer, etcetc

    Viele der heutigen Arbeiterschicht kommen aus Ländern des ehemaligen Ostblocks (oder haben familiäre Verbindungen dahin) und haben dort entweder selbst den “real existierenden Sozialismus” erlebt oder von Familie, Freunden und Kollegen davon gehört… und die wenigsten wollen dahin zurück.

    Und ich verstehe den Reflex, weil man mit Sozialismus was schlechtes verbindet. Aber deswegen die ganze Analyse der Klassen abzulehnen und stattdessen dem Sozialdarwinismus das Wort zu reden der in seiner Extremform zu noch viel größerem Leid geführt hat als die autoritären sozialistischen Experimente, finde ich nur so mittelmäßig schlüssig.









  • Aber inwiefern greift dann die Aussage, dass man über den ganzen Bildungsweg darauf erzogen wird, eine der existierenden Parteien zu wählen?

    Weil die meisten über den gesamten Bildungsweg entweder keine Bildung in dem Bereich erfahren (bis zur Sekundar Stufe) und ab dann eine ungenügende die sich meistens darin erschöpft die groben Linien der existierenden Parteien aufzuzeigen.

    Jede Sparte hat ihre Medien und ihren Blick auf die Welt. Und die Medien, die sich um einen einigermaßen neutralen Blick bemühen (ÖR), habe ich jetzt nicht wirklich mit Fackeln und Mistgabeln gegen Ramelow oder Wirtschaftssenatoren Gysi oder Wolf anschreiben sehen.

    Dann hast du im letzten Bundestagswahlkampf nicht aufgepasst. Und das Problem ist ja das hier: ja jede Sparte hat ihre Medien, aber welche Medien wie viele Leute erreichen liegt ganz grundsätzlich auch an der Menge Geld die dahinter steht. Dass NIUS so erfolgreich ist, liegt mitunter daran, dass da viel Geld von reichen Menschen reinfließt.

    Ist das nicht in Wahrheit die Relevanz-Hürde? Wir leben in einem Land von 80 Mio Leuten, da schafft es nur in die Medien und öffentliche Aufmerksamkeit, was genügend Relevanz erreicht hat. Politische Gruppierungen und Ideen jeglicher Couleur gibt is hierzulande wie Sand am Meer. Wer soll da nach welchen Anhaltspunkten entscheiden, welche dieser Neugründungen nun inhaltlich unbedingt bundesweit berichterstattungswürdig ist?

    Und wer entscheidet jetzt nach welchen Kriterien was “Relevanz” hat? Dass nicht zuhaufen Kapitalismuskritik im Fernsehen platz findet hat nicht nur mit Relevanz zu tun (denn relevant wäre sie und sie wird nur relevanter).

    Ich bin damit ganz und gar nicht zufrieden, denn diese gelebte politische Unmündigkeit ruiniert uns gerade! Nur, ich sehe wenig Mittel dagegen, die nicht darauf hinauslaufen, den Teil der Bevölkerung, der nicht so abstimmt wie ich das für richtig hielte, zu bevormunden. […] Du sagst Bildung, ich kann da nur noch mal auf meinen Bekannten verweisen: Hochschulabschluss, Job, Einkommen, gutes Leben. Trotzdem Bildzeitung und politisch ein Holzkopf. Und davon kenne ich noch mehr. Umgekehrt gibt es genügend Leute mit wenig Bildung, die trotzdem begriffen haben, dass diese Partei der letzte Scheiß ist und sich politisch auf der anderen Seite des Spektrums aufhalten.

    Ich glaub du machst dir da den Begriff “Bildung” zu einfach. Fachidioten gibt es viele, die sich in ihrem Beruf und allem drumrum gut auskennen aber sich selber grade so die Schuhe schnüren können. Und ja ich sage Bildung und wenn das als Bevormundung ankommt ist das nur ein Framingproblem. Wir lassen Menschen nicht Autofahren, wir lassen sie kein Flugzeug fliegen, nichtmal ein Restaurant lassen wir sie betreiben ohne, dass sie auch als Erwachsene nocheinmal Bildung erfahren müssen. Einen Demokratieführerschein finde ich nicht so absurd.

    Und wenn du dir dann wie gesagt Berlin anschaust, wo man als Linkspartei plötzlich mit einem griffigen Thema geschafft hat, die Leute von sich zu begeistern, dann zeigt es mir, dass es eben doch geht.

    Wie gesagt: es gibt Ausnahmen. Das System ist nicht so autoriär, dass es in jedem Fall funktioniert und durchgesetzt wird. Wenn es Probleme gibt die groß genug sind und die aktuellen Machthaber sich nicht darum kümmern, dann gibt es gelegentlich Chancen.

    Und wie gesagt: ist nicht gerade Feddit mit der sehr starken “Linkslastigkeit” ein Beleg dafür, dass man sich trotzdem politisch anders orientieren kann? Meinst du, hier sind alle so viel schlauer als der Rest?

    Feddit ist winzig und entstandan als antikapitalistische Alternative zu profitorientierten Plattformen. Ich glaube nicht, dass man aus der linkslastigkeit dieser Plattform irgendwas ableiten ausser: Ja es gibt linke Menschen. Das überrascht aber wohl niemanden. Und es geht wie gesagt nicht um schlauer. Es geht um Bildung, die alle erfahren könnten und sollten.


  • Aber im Ernst: meine Erfahrung war wirklich nicht so. Zu dem Zeitpunkt, wo es tatsächlich auch im Detail um die politische Landschaft Deutschlands ging, waren die Leute schon reif und interessiert genug, sich da ihre eigenen Gedanken zu machen zu können und wollen - bzw eh der grundsätzlichen Meinung, dass Erwachsene und ihre Meinungen nerven.

    Die Erfahrung hab ich so gar nicht gemacht. Also erstens wirklich ins Detail ging es da nie zumindest nicht im Nebenfachkurs. Zweitens hat es auch echt niemanden die Bohne interessiert. Wenn man so will ging die Ablehnung der erwachsenen so weit, dass man das ganze Thema als uninteressant abgelehnt hat.

    Ganz abgesehen davon, dass ein relevanter teil der Gesellschaft nicht über die 10 Klasse hinaus in einer allgemeinbildenden Schule ist und Gemeinschaftskunde auf Berufsschulen eher dürftig ist.

    Außerdem, was heißt für dich “etablierte Partei”? Die Linke ist doch bspw längst eine etablierte Partei und will etwas komplett anderes als die Union. Also selbst innerhalb der sichtbaren “etablierten Parteien” ist ein breites politisches Spektrum abgebildet - die Leute wählen aber trotzdem wie sie wählen.

    Das muss man getrennt betrachten, es gibt nicht den einen Grund der alles erklärt. Die linke wird mit anderen Mitteln bekämpft als nicht-etablierte Parteien. Erstere werden von quasi allen Medienhäusern diffamiert, zweitere werden Totgeschwiegen und vor systematische Hürden gestellt.

    Diese Verantwortung kann man nicht abstreifen, auch wenn es sehr bequem wäre. Die Kehrseite eines Wahlsystems, bei dem alle mitbestimmen können, ist eben auch, dass man sich selber mit dem Themenkomplex auseinandersetzen muss. Und dazu sind viele einfach zu bequem und wollen stattdessen lieber einfache Antworten.

    Und an dem Punkt kommt man man meines Erachtens auch nicht vorbei, ohne die Bürger zu entmündigen, nach dem Motto: du weißt halt nicht, was wirklich gut für dich ist.

    Ich glaub in der Analyse, dass sich Leute zu wenig, und auch in teilen selbstverschuldet, zu wenig mit Politik beschäftigen, sind wir uns einig.

    Du scheinst aber irgendwie zufrieden damit zu sein an dem Punkt stehen zu bleiben und darauf zu beharren, dass die Leute halt von alleine mündig werden sollen.

    Ich versuche herauszuarbeiten was diese Unmündigkeit begünstigt um daraus dann Strategien dagegen zu entwickeln. Und da spielt dann eben Bildung, wer diese gestaltet, und welche Interessen diejenigen haben mit rein.


  • Der Wähler wird über den ganzen Bildungsweg dazu erzogen eine der existierenden Parteien zu wählen.

    Wie das?

    Ich weiß ja nicht wie das bei dir so war aber bei mir wurde in Sozialkunde nur über etablierte Parteien gesprochen und auch in den sonstigen Bildungsangeboten zu Politik werden ja eher selten mal Programme von kleineren Parteien durchgegangen. Autodidakten sind selten, die meisten schauen nicht über den Tellerrand der ihnen gebotenen Lektionen hinaus.

    Man muss weder Merz noch Braun wählen, du und ich und die anderen hier schaffen das ja auch (nehme ich jetzt mal an), warum sollte das bei anderen dann nicht auch gelten?

    Ja warum das so ist ist die Frage. Warum schaffen das die anderen nicht? Weil es gar kein Interesse gibt die politische Bildung so zu gestalten, dass eine relevante Anzahl Menschen sich von den etablierten Parteien abwendet oder zumindest einen Kurs von ihnen einfordert der ihre Interessen vertreten würde.

    Nur weil Menschen mündig sind heißt das nicht, dass sie in der Lage sind alles selbst zu lernen. Vieles muss einem beigebracht werden und Bildung, gerade politische Bildung, ist nunmal stark von den existierenden Parteien geprägt.

    Dass es dabei Ausnahmen wie die Grünen gibt bedeutet nicht, dass es dahinter kein system gäbe.