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Im Jura-Studium lernt man den Terminus der „herrschenden Meinung“, oft abgekürzt mit „h. M.“. Damit bezeichnet man die überwiegende Rechtsauffassung, am besten zementiert durch Urteile hoher Gerichte. Wenn man so will, vertritt Fuest in der hiesigen Ökonomen-Szene die „herrschende Meinung“ – manche würden sogar sagen, wenn er spricht, ist das ein Urteil der höchsten Instanz: Deutschlands wirtschaftlicher Niedergang geht demnach zurück auf eine verhängnisvolle Melange aus verkrusteten staatlichen und unternehmerischen Strukturen, hohen und über Jahre weiter gestiegenen Kosten, fehlenden Innovationen und einer alternden Gesellschaft, die mehr an das Verteilen und weniger an das Verdienen des Wohlstands denkt.

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Und doch gibt es zur „h. M.“ so gut wie immer auch eine gegenläufige Ansicht, die „abweichende Meinung“, meist vertreten von einigen wenigen, nicht selten aber besonders gewitzten Köpfen, die mindestens einen großen Spaß daran haben, die „herrschende Meinung“ argumentativ herauszufordern. Und eine solche „a. M.“ erschien diese Woche in Form einer Studie unter dem Titel „China shock 2.0. – the cost of Germany’s complacency“, übersetzt so viel wie „die Kosten der deutschen Selbstzufriedenheit“.

Darin vertreten die Ökonomen Sander Tordoir und Brad Setser die These, Deutschlands Unternehmen litten nicht vornehmlich unter verkrusteten Strukturen, hohen Kosten und fehlender Wettbewerbsfähigkeit. Sondern sie würden plattgemacht und an den Rand gedrängt von einer immer übermächtigeren chinesischen Industrie. Besonders pikant dabei ist der Vorwurf der „complacency“. Denn das war viele Jahre der Kampfbegriff für all jene, die Deutschen und Europäern gerne vorhielten, satt, träge und reformmüde zu sein – selbstzufrieden eben. Jetzt schnappen sich Tordoir und Setser den Begriff und interpretieren ihn ganz anders: nämlich als hochriskante Ignoranz vor der chinesischen Übermacht, der man nur mit Protektionismus begegnen könne.

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Mitunter wirken die Befunde der beiden Ökonomen wie eine Provokation, aber in einer Situation, in der das Land so sehr auf die eigenen Probleme und Defizite schaut, gleicht die Studie einem Weckruf: Es lohnt sich in jedem Fall, den Blick zu weiten.

  • Aniki@feddit.org
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    2 hours ago

    Über die Ursachen der deutschen Misere herrscht Konsens: Alles ist zu teuer, zu alt, zu langsam. Eine neue Studie widerspricht: Das wahre Problem sei China. Dagegen helfe nur ein Mittel – aber die Regierung bremse immer wieder

    Ne, die Ursache der deutschen (und europäischen und amerikanischen) Misere ist dass zu sehr versucht wurde, durch immer weitere verkomplizierung der hergestellten produkte das Preisniveau hochzuhalten. z.b. du kaufst eine zahnbürste, aber es ist nicht nur ein plastikstiel mit ein paar fasern dran, sondern es enthält auch noch einen computer samt bluetooth-chip mit dem du dich mit dem smartphone verbinden kannst um das programm einzustellen. das treibt die kosten.

    und das alles ist geschehen, z.b. in der autoindustrie, um die preise absichtlich hochzuhalten, um höhere gewinnspannen nach dem cost plus zu rechtfertigen. denn sonst hätte die binnen-konkurrenz schon längst die profite in den boden getrieben.

    • Aniki@feddit.org
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      2 hours ago

      Der Artikel ist insgesamt schon eher lächerlich. Hier ein ausschnitt:

      China ist der Hauptgrund für die deutsche Misere

      Anders als wahrscheinlich Fuest und viele deutsche Ökonomen machen die beiden Autoren nicht mangelnde deutsche Wettbewerbsfähigkeit und fehlende Strukturreformen als Haupttreiber dieser Entwicklung aus – sondern eine aggressive Wirtschafts-, Fiskal- und Handelspolitik Chinas. Die kommunistische Führung in Peking habe die Offenheit der westlichen Wirtschaft und den vielleicht auch etwas naiven Geschäftssinn hiesiger Unternehmen gnadenlos ausgenutzt. Ein knallharter Wissenstransfer nach China durch Zugangsbarrieren zum chinesischen Markt, hohe direkte und indirekte Subventionen für chinesische Unternehmen zum Aufbau von Überkapazitäten, die gezielte Dominanz bei Rohstoffen und eine bewusste Abwertung der chinesischen Währung hätten die chinesische Industrie vielmehr massiv bevorteilt.

      Nur um da Dinge richtigzustellen.

      • “Offenheit der westlichen Wirtschaft” - damit ist wahrscheinlich die seit englischer Kolonialzeit existierende Tendenz, Ländergrenzen nicht zu respektieren, und andere Ländern zwecks Ressourcenförderung zu missionieren, gemeint. siehe Weltbank. Es ist ja auch nicht so, als ob China die USA gezwungen hätte, ihre Fabriken dorthin zu verlagern. Vielmehr wollten amerikanische Unternehmer die Lohnkosten drücken und haben eben nach China verlagert. Was gibt es hier zu kritisieren? Die Gier westlicher Unternehmer?