geteilt von: https://feddit.org/post/28031067
Vor drei Jahren hatte ich ein intensives und sehr ernsthaftes Gespräch mit jemandem über das Thema Migration in Europa. Das hat mich zum Denken angeregt und ich möchte hier meine Ergebnisse vorstellen:
So große Ereignisse wie Migrationsbewegungen geschehen nicht aus Zufall. Sie geschehen auch nicht, weil einzelne Personen sich vornehmen, zu migrieren. Ich vertrete hier eine stark anti-materialistische Weltsicht: Dinge geschehen nicht, weil sie von einzelnen gemacht werden, sondern weil sie politisch gewollt werden. Das ist in etwa so, wie zu sagen dass der Zug von Wien nach Hamburg nicht fährt, weil die Räder sich drehen, sondern weil jemand die Weichen entsprechend gestellt hat. Wenn jemand dich fragt, warum die Linie alle zwei Stunden befahren wird, würdest du ja auch nicht anfangen, was von der Funktionsweise des Elektromotors zu faseln, sondern eher von der Wichtigkeit einer Verkehrsverbindung …
Man kann die politische Entscheidung als Resultat der politischen Argumente auffassen, und diese Argumente lassen sich in zwei Gruppen unterteilen: ökonomische (wirtschaftliche) und nicht-ökonomische Argumente.
Die ökonomischen Argumente beschäftigen sich mit Kaufkraft, Lohnentwicklung, und Angebot und Nachfrage des Arbeitsmarktes. Die genaue Beschreibung des Arbeitsmarktes ist etwas kompliziert, da die Bevölkerung selbst wieder auf den Arbeitsmarkt zurückwirkt, etwa indem eine größere Bevölkerung mehr konsumiert; aber im Allgemeinen lässt sich zusammenfassen, dass die Reallöhne umso höher sind, je kleiner die Bevölkerung ist; Und umgekehrt führt eine größere Bevölkerung zu kleineren Reallöhnen. Das folgt einfach aus dem Prinzip von Angebot und Nachfrage und der Annahme, dass die Nachfrage nach menschlicher Arbeitskraft eben nur zum Teil aus dem Konsumverhalten folgt, und zum Teil eben auch aus notwendigen Infrastrukturprojekten, Rüstungsausgaben und Fortschrittsbestrebungen, die annähernd konstant sind und nicht von der Größe der Bevölkerung abhängen. Daher sehe ich es so, dass eine 3% größere Bevölkerung wahrscheinlich zwischen 0% und 3% kleineren Reallöhnen führen wird, im Mittel pro Person.
Die andere Gruppe von Argumenten sind nicht wirtschaftlicher Natur, sondern meist kultureller Natur, sehr bedeutsam und nicht zu vernachlässigen. Im Wesentlichen geht es dabei darum, dass man anerkennt, dass man mit Migranten nicht nur Arbeitskräfte importiert, sondern auch Menschen die ihre Denkweisen und Gewohnheiten mitbringen, und dadurch einen regen Austausch innerhalb der Gesellschaft anregen. Ein einfaches Beispiel dafür ist der Kebab. Wer kennt ihn nicht, wer liebt ihn nicht. Ohne die türkischstämmigen Einwanderer gäbe es ihn heute nicht, was ich auch zum Teil darauf zurückführe, dass der typische deutsche Schweinsbraten- und Schnitzelwirt einfach auch zu konservativ ist, um neue Lebensmittel und Zubereitungsweisen ins Repertoire aufzunehmen. Ein besonders schönes Gedankenexperiment zum Vorteil der Zuwanderung sehe ich im goldenen Zeitalter des Islams. Ich gehe davon aus, dass die Menschheit im Allgemeinen, aber insbesondere Mitteleuropa, auf ein neues Mittelalter zusteuert, d.h. eine sehr lange, ruhige und friedliche Periode mit sehr niedrigem Wachstum und sehr entspanntem Lebensstil. Wenn man weltweit schaut, wo das Mittelalter am besten funktioniert hat, dann findet man das “goldene Zeitalter des Islam”, das mit dem frühen Mittelalter begonnen hat und mit dem späten Mittelalter geendet ist. D.h. der Islam scheint sehr kompetent darin zu sein, mit mittelalter-ähnlichen Lebensbedingungen umzugehen. Indem wir den Islam und dessen Mitglieder importieren, importieren wir somit auch die Fähigkeit, mit dem Mittelalter umzugehen. Und das könnte ganz Europa besser auf die Zukunft vorbereiten, als wir es derzeit sind.


Der Wikipediaartikel beschreibt leider nicht, was die Blütezeit des Islam ermöglicht hat, was für deine Argumentationskette aber erheblich ist. Ich bin mir nicht mal sicher, ob die Blütezeit durch die Religion begründet werden kann. Du unterstellst den Einwanderern, dass sie ein Mindset in sich tragen, das die Blütezeit ermöglicht hat, und du hoffst, dass sie dazu beitragen, wieder eine zu erschaffen.
Die Einwanderer, die wir die letzten 80 Jahre hier in Deutschland aufgenommen haben, sind dem gelobten Land gefolgt, weil die Existenz im Heimatland körperlich oder wirtschaftlich bedroht wurde. Das gilt genauso für die Italiener am Anfang und die türkischen Gastarbeiter, wie für die Flüchtlinge aus Afrika und jetzt aus Osteuropa. Keiner verlässt ohne Not seine Heimat. Ich glaube, dass sie unsere Gesellschaft bereichern, wenn sie sich erfolgreich assimilieren. Die Gesellschaft wird dadurch kulturell vielfältiger und resilienter.
Ich befürchte, wir haben die “christliche” Blütezeit schon hinter uns und nähern uns mehr der “Zahn um Zahn” Zeit an, in der ungezügelte Gewaltausübung wieder gesellschaftlich akzeptiert wird. Die Oligarchen aller Nationen (und Religionen) machen es uns vor.
Funfact am Rande: Es scheint so, dass der “reinrassige” Neandertaler ausgestorben ist, weil er genetisch verarmt ist. Am Schluss gab es nur noch eine genetische Linie. Ich mutmaße, dass dann eine einfache Infektion genügte und das war es dann. Die Nazi-Rassenlehre hätte auch zu einer möglichst genetisch reinen und damit verarmten Linie geführt. Vielleicht wäre dann ein Deutschland nach 10 oder 20 Generationen ausgestorben. Ein kulturell konservatives Mindset wird wahrscheinlich genauso aussterben, wenn sich die wirtschaftlichen, oder klimatischen Rahmenbedingungen ändern, weil es sich nicht anpassen kann.