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    11 hours ago

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    „Verheirateten Frauen konnte man damals wohl nicht trauen“

    Gisa, 82 Jahre alt

    Ich habe noch erlebt, wie es ist, als Frau rechtlich schlechter gestellt zu sein. Aber ich war aufsässig, ich hab mich nicht bei allem gefügt. 1972 wollten wir ein Auto kaufen. Das war in Stuttgart. Zuvor lebten wir ein paar Jahre in München, ab 1975 dann in unserem jetzigen Wohnort bei Heidelberg. Das Auto sollte auf mich zugelassen werden, aber der Verkäufer weigerte sich – er wollte dafür die Unterschrift meines Mannes haben. Ich fand das ungerecht und habe geschimpft, gepoltert und getobt. Aber es war aussichtslos, der Verkäufer hatte das Recht auf seiner Seite: Bis 1977 durfte ein Ehemann Verträge kündigen, die seine Frau geschlossen hatte – da war eine Ehefrau natürlich keine gute Vertragspartnerin.

    Ebenfalls in den siebziger Jahren wollte ich mal ein kleines Röckchen für unsere Tochter beim Otto-Versand bestellen, füllte den Bestellzettel aus und schickte ihn ab. Ganz schnell kam mein Zettel wieder zurück mit dem Hinweis, dass die Unterschrift meines Mannes fehlte. Auf die Frage nach dem Familienstand hatte ich „verheiratet“ angekreuzt. Das war ein fataler Fehler. Hätte ich mein Kreuzchen bei „alleinstehend“, „geschieden“ oder „verwitwet“ gemacht, wäre alles in Ordnung gewesen, aber verheirateten Frauen konnte man damals wohl nicht trauen.

    Die sogenannte „Hausfrauenehe“ wurde im Bürgerlichen Gesetzbuch 1900 eingeführt. Darin war festgehalten, dass die Frau zur Führung des Haushalts verpflichtet ist und selbst keine Verträge abschließen durfte. Der Passus mit den Verträgen wurde zwar schon 1957 gestrichen, aber de facto änderte sich daran erst einmal nichts. Denn der Ehemann hatte nach wie vor das Recht, von seiner Frau geschlossene Verträge zu kündigen, wenn sie ihre Pflichten als Hausfrau vernachlässigte. Erst 1977 wurde das Gesetz zur „Hausfrauenehe“ grundlegend reformiert (Information nach Evke Rulffes, „Die Erfindung der Hausfrau“, ab S. 243).

    Mein Leben als Hausfrau begann 1968, als meine Tochter auf die Welt kam, zuvor habe ich als Reiseverkehrskauffrau gearbeitet. So war das damals – es gab ja keine Kindergartenplätze, und wenn dann nur bis 12.00 mittags – wie soll man da arbeiten? Teilzeit war weitgehend unbekannt. Über 500 Seiten Liebesbriefe⬆ nach oben

    Mein Mann und ich haben uns 1965 in Hamburg kennengelernt, da war ich 21. Mein Mann kommt aus München und war damals vier Wochen beruflich in Hamburg, er arbeitete für die Bundeswehr. Seine Tante und meine Mutter waren befreundet. Die Tante schlug vor, dass wir mal was zusammen unternehmen. So kamen wir zusammen.

    Nach den vier Wochen Hamburg führten wir rund eineinhalb Jahre lang eine Fernbeziehung. Telefonieren war teuer, das ging nur zwei Mal die Woche. Daher haben wir uns Briefe geschrieben. Ich habe sie vor ein paar Jahren alle abgetippt: Es wurden über 500 Seiten! Wir haben sie auch unseren Kindern gegeben. Da stand nichts drin, was die nicht hätten lesen sollen. Das meiste sind tatsächlich völlig unwichtige Alltags-Schilderungen.

    Nach sechs Monaten haben wir uns verlobt, nochmal ein Jahr später haben wir geheiratet und ich bin zu ihm nach München gezogen. Das war richtig schön, Zwei-Zimmer-Neubau. In Hamburg hatte ich mit meinen Eltern, meinem Bruder und meiner Großmutter in einer Zwei-Zimmer-Wohnung gelebt – nach dem Krieg bis etwa 1950 sogar zu zehnt in 2,5 Zimmern, weil eine ausgebombte Familie bei uns einquartiert wurde. Es war fast unmöglich, einen Arzttermin einzuhalten

    Über einen längeren Zeitraum hatte ich zwei Windelkinder. Mein Sohn ist zwei Jahre jünger als meine Tochter. Glücklicherweise hatten wir da schon eine Waschmaschine. Einmal-Windeln aus Zellstoff gab es zwar schon, aber die waren nicht billig. Wenn wir mal mit den Kindern längere Zeit unterwegs waren, leisteten wir uns diese Neuheit. Aber grundsätzlich wurden die Windeln gekocht und später dann sehr sorgfältig gebügelt, damit der kleine Kinderpopo keine Schrammen oder Verletzungen bekam.

    Überhaupt war vieles mühsam. Einen Arzttermin einzuhalten mit zwei kleinen Kindern, für die es keine Betreuung gab, war fast unmöglich, und natürlich hatte ich auch beim täglichen Einkauf immer beide Kinder dabei. Einen Tiefkühlschrank oder eine Geschirrspülmaschine hatten wir nicht. Um auch mal Zeit für mich zu haben, oder einen Arzttermin wahrnehmen zu können, habe ich mich damals in München in den ersten Jahren mit den Kindern mit einigen anderen Frauen aus der Nachbarschaft zusammengetan: Wir passten reihum auf die Kinder der anderen auf, damit jede einen Vormittag pro Woche zur freien Verfügung hatte.

    Wir unternahmen auch viel, die anderen Frauen und ich. Stundenlang hingen wir auf Spielplätzen rum oder gingen im Sommer auch mal zusammen ins Schwimmbad. Es hat sich da auch eine Art Freundschaft entwickelt, obwohl die alle ganz anders gestrickt waren als ich. Einerseits war ich froh und glücklich, dass ich mich ganz um meine Kinder kümmern konnte, andererseits waren diese Tage auf dem Spielplatz auch ermüdend und ich vermisste meinen Beruf sehr.

    Reisekauffrau war damals eine ganze andere Tätigkeit als heute. Ich musste mehrere Fremdsprachen sprechen, um per Brief oder am Telefon mit Reedereien, Fluggesellschaften und Hotels in aller Welt zu korrespondieren, um die Reisen zusammenzustellen. Reisen war damals ja noch totaler Luxus. Ich erinnere mich an einen Mann, einen Hafenarbeiter, der jede Woche fünf Mark bei uns deponierte, um für eine Schiffsreise zu sparen.

    Alt genug zum Heiraten – aber nicht für einen Beruf

    Ursprünglich wollte ich Stewardess werden. Aber das haben meine Eltern nicht erlaubt. Und weil man damals erst mit 21 volljährig war, brauchte ich ihre Zustimmung. Sie meinten, ich sei noch nicht reif dafür. Das war typisch für die Doppelmoral dieser Zeit. Frauen wurden damals auch mit 18 oder 19 schon auf dem Heiratsmarkt gehandelt, aber dass ich für die Stewardess-Ausbildung allein nach Frankfurt ging, war undenkbar.

    Dass ich überhaupt eine höhere Schule besuchen durfte, habe ich nur meinem Opa zu verdanken. Bis zur zehnten Klasse finanzierte er mir das Mädchengymnasium. Aber meine Eltern wollten nicht, dass ich Abitur mache. Sie dachten, ich solle eine ordentliche Hausfrau abgeben. Was mein Opa leider nicht mehr erlebt hat: Ich habe doch noch Abitur gemacht. Mit 40! Das war ursprünglich die Idee meines Mannes. Ich war aber sofort begeistert. Das war, als die Kinder schon auf dem Gymnasium waren. Zusammen absolvierten wir ein „Telekolleg“, das heißt, jeden Abend gab es eine halbe Stunde Unterricht über den Fernseher. Einmal die Woche hatten wir einen Abendkurs in einem Gymnasium. Und dann studierten wir. Mein Mann BWL und VWL im Abendstudium, ich entschied mich für Germanistik und Politik. Obwohl ich doppelt so alt war wie meine Mitstudierenden, schloss ich schnell Freundschaften im Studium. Für mich war diese Zeit ein Riesengeschenk, die absolute Freiheit, einfach dem nachgehen zu können, was mich interessierte.

    Nach dem Abschluss fing ich als Redakteurin in einem kleinen medizinischen Verlag an – ich hatte meinen Traumjob gefunden! Rückblickend muss ich sagen, ich hab in meinem Leben auch ganz viel Glück gehabt.

    Ich danke allen Frauen, die an meiner Umfrage teilgenommen haben, mir geschrieben oder mit mir gesprochen haben, insbesondere Margarete, Regina und Helke.

    Und zum Schluss ein Tipp für alle, die mehr zum Thema Hausfrauen lesen wollen: In „Die Erfindung der Hausfrau“ (Harper Collins, 2021) erklärt Evke Rulffes, warum es die „Hausfrau“, von der so viele annehmen, dass sie in der natürlichen Bestimmung der Frau begründet ist, gefühlt nur etwa zehn Minuten in der neueren Geschichte überhaupt gab. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit war das Ehepaar ein Arbeitspaar, das sich sämtliche Aufgaben auf dem Hof oder im Handwerk teilte. Später gab es dann das Bild der „Hausmutter“, das aber eher einer Managerin glich, die ihr Gesinde anleitete. Die bürgerliche Hausfrau und Mutter, die allein die Verantwortung für ihre Kinder tragen soll, ist ein Konstrukt aus dem 20. Jahrhundert – das ja abseits der Tradwives schon seit Längerem wieder bröckelt.

    Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Rico Grimm, Audioversion: Iris Hochberger und Christian Melchert

    Korrekturhinweis: In einer früheren Version dieses Artikels stand, dass Gisas Tochter 1967 auf die Welt kam. Sie wurde jedoch 1968 geboren. Wir haben dies korrigiert. Drei Frauen erzählen, wie es wirklich war, in den 70ern Hausfrau zu sein 0:00 0:00