Gestern im EU Parlament beschlossen: Im Supermarkt dürfen künftig bestimmte genveränderte Lebensmittel ohne Kennzeichnung im Regal stehen. In rund zwei Jahren sollen die Regeln gelten. Außerdem wird es im Zuge der Zulassung der “Neuen GenTechnik” (NGT) auch viel einfacher möglich sein, Pflanzen und Gene zu patentieren. Selbst Gene aus alten Kulturpflanzensorten können - als angebliche Erfindungen - zukünftig patentiert werden. Das Ergebnis ist ein Sieg auf ganzer Linie für mächtige Agrarkonzerne wie Bayer-Monsanto, Corteva und Co., die sich in Zukunft die Patentanwälte und Rechtsabteilungen für die absehbaren Konflikte mit kleineren Züchtern und Bauern leisten können. Die Verlierer sind Mittelstand, Verbraucher*innen und die gentechnikfreie Landwirtschaft, wie etwa der Bio-Landbau. Der Vorschlag wurde von EVP (CDU/CSU), Liberalen (FDP) und extremrechten Parteien im EU Parlament ohne durch Sozialdemokraten, Grüne und Linke gewünschte Änderungen durchgewunken. Der Kapitalismus expandiert mit dieser Regelung auch in der EU in den Bauplan allen Lebens hinein: ins Genom.



Wo ist Gentechnik “Pro Klimawandel”? Ich versteh nicht wie man überhaupt gegen Gentechnik sein kann.
Resistente Sorten erfinden die uns ermöglichen auch in der Wüste Essen anzupflanzen erscheint mir nicht als schlimm.
Ähm… wo habe ich geschrieben, dass das “Pro Klimawandel” ist? Es ist nur ein weiteres Symptom dafür, dass der Kampf gegen den Klimawandel von der Mehrheit der Entscheider aufgegeben wurde.
Du beginnst halt direkt mit dem üblichen Strohmann “Klimawandel bekämpfen aufgegeben, dann jetzt eben Gentechnik”.
Zum einen hat das eine nicht mit dem anderen zu tun, zum anderen ist die gesamte Gentechnikdebatte absolut vergiftet und es ist eine willkürliche Festlegung, was Gentechnik und was “natürliche” *hust* Züchtung ist.
Na, was hat denn Gentechnik mit Aufgeben zu tun?
Mit jedem weiteren Schritt hin zu “Anpassung” wird die Verhinderung / Abschwächung des Klimawandels unwichtiger - zumindest aus Sicht der Entscheider.
Das hat doch nichts miteinander zu tun. Gentechnik kann zB auch bei “normalem” Naturschutz helfen, indem wir den Pflanzen zB die Möglichkeit geben selbst gegen bestimmte Schädlinge vorzugehen ohne dass ihr Nutzen für uns dadurch geschmälert wird. Dadurch könnte man dann zB auf den Einsatz von Pestiziden verzichten die auch jede Menge Insekten töten die gar nicht an unseren Feldern interessiert sind.
Man kann beides Tun. Vorbereiten und Vorbeugen.
Worauf basierst du deine Aussage, dass man mit dieser Technik in “der Wüste Essen” (Nutzpflanzen?) angebaut werden kann?
Disclaimer: Ist Jahre her dass ich mit bioengineering und Biochemie zu tun hatte.
Es gibt bei Planzen grob 2 verschiedene Formen von Photosynthese Zyklen, bei denen am Ende Zucker rauskommt: C3 und C4
Simplifiziert läuft die hintere Kette der Umwandlung bei C3 sofort, und bei C4 in der “Downtime” also Nachts.
C4 hat hier den klaren Vorteil, dass die hinteren Teile der Kette keine Bedingungen an den Wasserhaushalt der Planze setzen, wärend diese von der Sonne bestrahlt wird. Grob arbeitet die Planze damit mit viel weniger Verdunstung, also ist viel sparsamer mit Wasser.
Mais ist C4, Weizen C3, desshalb baut z.B. der eher Aride Teil der USA so extrem viel Mais an (was dann deren ganze Ernärung fickt weil die überall Fruktosesirup reinballern müssen).
Weizen wächst dagegen in den selteneren Regionen wo viel Wasser zur Verfügung steht. Da kommt dann krams raus wie die Ukraine die quasi ganz Europas Weizen in einem kleinen Gebiet anbaut, weil da halt gute Bedingungen sind.
Also, was ist wenn ich in Weizen die komplette C4 Photosynthese Kette transplantiere?
… Zumindest viel mehr Weizen und weniger Mais, also ein fettest Plus für die Gesundheit von Grundnahrungsmitteln.
Und weniger Wasserknappheit dort wo Weizen angebaut wird.
Ist eigentlich ne ähnliche Situation wie Fleisch, wo man auch einfach ne komplett andere Planze nehmen könnte die schon C4 ist, aber das halt defakto nie tun wird.
Wenn ich statt Vollkornbrot nur noch Maiswaffeln fressen muss, geht ich besser den ganzen Schritt und entferne mich komplett permanent aus der Klimabillanz.
Anyway, ist vielleicht nicht das beste Beispiel, aber C4 Weizen schlägt auch Mais in Wassereffizienz weil das Zeug halt neben C4 noch eine etwas effizientere Planze ist. Und damit ist das schonmal was ertragreicheres als man vorher in ariden Regionen anbauen konnte.
Ist jetzt kein Kaktus, aber gibt halt ewig große Gebiete wo im Moment nur Gras für Vie angebaut wird, oder extrem hartnäckige aber wenig gezüchtete Getreide mit geringem Ertrag.
Interessanter Vorschlag. Dem kann ich durchaus etwas abgewinnen. Man könnte auch andersherum versuchen Glutenine und Gliadiene (vulgo Gluten) als Proteinspeicherproteine in eine C4 Pflanze zu transferieren. Die Praxis zeigt: Die Biologie ist ein widerspänstiges Tier, dass nicht immer so linear logisch funktioniert wie wir es gerne hätten. Alle Lebewesen sind hochkomplexe regulatorische Systeme mit sehr vielen positiven und negativen Feedbackmechanismen. Ob es gelingen wird die rund 30-50 regulatorischen Gene des C4 Zyklus zu transferieren? Ich bin da vorsichtig pessimistisch.
Wenn man alle potentiell relevanten Gene einsetzt müsste man eigentlich mit einigen Generationen normalerer Züchtung eine sinvolle expremierung anzüchten können.
Gibt endlose regulationsmechanismen, also sollte das hoch und runterregulieren recht schnell gehen. Ich meine ein paar der Mechanismen wären sogar “epigenetisch” (methylierungen etc.).
Da gibt’s schon einige Erfolge um Getreide genügsamer zu machen.
Die Wüste war ja nur ein Beispiel.
Ja, aber schau, es sind genau diese überzogenen Hoffnungen, die halt dann - so fürchte ich - enttäuscht werden, während sich die klassische Züchtung mit Patentbürokratie und rechtlicher Unsicherheit herumschlagen muss.