• HaraldvonBlauzahn@feddit.orgOP
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    1 day ago

    Ach krass, 15 km ist nicht wenig. Da könnte ich jeden Grund verstehen, das Auto zu nehmen…

    Nee, das ist in erster Linie Gewöhnungssache.

    Ich hatte nie ein Auto, aber ich bin lange Zeit auch nie größere Distanzen gependelt. Seit ca. 17 Jahren pendele ich aber meist zwischen 9 und 18 Kilometer (einfacher Weg, also 18 bis 36 Kilometer am Tag). Das ist kein Problem, jeder normal gesunde Mensch würde ja auch eine Wanderung von 2 Stunden schaffen, oder eine Tagesradtour von 30 Kilometer. Dass einem eine Fahrrad- oder Fußstrecke von einer halben Stunde lang erscheint, ist in erster Linie Psychologie: Leute, die vorwiegend Auto fahren, überschätzen auch regelmässig massiv die Entfernungen, den Zeitaufwand, und die Anstrengung, um Wege zu Fuss oder mit dem Rad zurück zu legen. Fragt mal einen chronischen Autofahrer, wie lang man braucht, um zu Fuss oder mit dem Rad ein Ziel zu erreichen, das 2 oder 3 Kilometer von seiner Wohnung entfernt liegt. Er wird es mit ziemlicher Sicherheit massiv überschätzen.

    Die nötige Kondition für eine regelmässige längere Strecke ist natürlich nicht sofort da. Meine Strategie das zu machen, ist einfach schrittweise Gewöhnung. Wenn man anfängt zu joggen, joggt man ja auch nicht am ersten Tag 6 Kilometer, wenn man das nie gemacht hat. Sondern man joggt mal einen Kilometer und nach ein zwei Wochen zwei.

    So mache ich das auch, wenn ich aus irgendwelchen Gründen länger nicht die lange Strecke gefahren bin. Also wenn ich, sagen wir, drei Monate nicht mit dem Rad gependelt bin, weil ich erst eine Knie OP hatte, dann ein sehr eisiger Winter war, und dann in der Winterpause der Werkstätten der Antrieb kaputt gegangen ist, dann fahre ich halt erst 2 Tage pro Woche mit dem Rad, oder erst mal 20 bis 30 Minuten der Strecke, und erst nach ca. drei vier Wochen die volle Strecke.

    Ein E-Bike zu leihen, hat mir da interessanterweise nicht geholfen - E-Bikes machen einfach nicht fit, selbst wenn man die im Eco-Modus fährt. Das habe ich sehr deutlich gemerkt, nachdem ich eine Weile mit dem E-Bike von meiner Freundin gefahren bin, als mein Winterrad kaputt war. Aber es kann natürlich anders sein, wenn man viele starke Steigungen hat (Stuttgart oder so). Unterm Strich ist da meiner Erfahrung nach die menschliche Bequemlichkeit einfach kein guter Ratgeber. Das Stammhirn möchte Energie sparen und vermeidet unnötige Anstrengung. Das war in der Steinzeit mit chronischem Nahrungsmangel mal eine sinnvolle evolutionäre Anpassung, im Autozeitalter macht uns das einfach krank.

    Praktisch ist die Distanz, die man mit dem Fahrrad pendeln kann, letztlich für normal gesunde Leute in erster Linie eine Zeitfrage. Und da kommt das Fahrrad in Wirklichkeit oft sehr gut weg: Ich habe zum Beispiel aktuell eine Distanz von 14 Kilometer. Die kann ich auch mit der S-Bahn fahren. Die schnellste Kombination ist dann knapp einen Kilometer zum Bahnhof gehen, ein langes Stück S-Bahn, vom Bahnhof einen halben Kilometer zur Arbeit. Aber das Fahrrad ist in der Praxis schneller, mit ca. 50 Minuten Tür-zu-Tür. Und dabei fahre ich nicht schnell, halt so einen Schnitt um 15 km/h - ich bin da wirklich kein Fitnessmonster, hab auch ein bisschen Asthma und so, und auch nicht mehr der Allerjüngste.

    (Wenn man die benötigte Zeit zum Zurücklegen einer Distanz betrachtet, muss man beim Auto ehrlicherweise naŧürlich auch die zusätzliche Arbeitszeit einrechnnen, die man allein damit verbringt, das Auto zu finanzieren - aber das tun wohl die wenigsten, weil sie (falsch) argumentieren, dass das Auto halt “eh da” ist oder angeblich ganz billig ist.)